|
Eidgenössische Spiessknechte um 1476 |
|
Mittwoch, den 12. Oktober 2005 um 09:33 Uhr |
Der
Langspiess erfreute sich nach den Appenzellerkriegen bei den
Eidgenossen wachsender Beliebtheit. Die Stichwaffe war etwa zwischen
480 und 540 Zentimeter lang. Der Schaft bestand aus dem robusten und
flexiblen Holz der Esche und war vorne mit einer mehrkantigen oder auch
lindenblattähnlichen Metallspitze bewehrt. Von den Langspiessern wurden
grosse körperliche wie psychische Leistungen gefordert. Im
wohlgedrillten Kollektiv war es ihre Aufgabe, mit den langen
Stichwaffen den Schlachthaufen vor anreitender Kavallerie zu schützen.
Bis zu sieben Glieder von Spiessern stiessen das Ende ihrer
Stangenwaffen, die Spitze feindwärts geneigt, in den Boden und stellten
sich mit dem rechten Fuss darauf. Nach vorne gebeugt, hielten die
Spiessknechte ihre Spiesse gliedweise in unterschiedlichen Winkeln
ausgerichtet, sodass an der Front zum Gegner eine Art Igel entstand.
Nun galt es, dem heranpreschenden Reiterangriff kaltblütig ins Auge zu
blicken un den Spiess mit sicherer Hand gerichtet zu halten. Die
Spiesse bohrten sich unbarmherzig in die Leiber der gehetzten Pferde,
sodass sich unter diesem ungeheuren Aufprall der Holzschaft bog und
wand. Die sterbenden Tiere rissen im Fallen die Spiesse mit sich, und
nur unter grössten Kraftanstrengungen gelang es den Spiessknechten die
wild umherschlagenden Holzenden ihrer Waffen zu bändigen. Zwischen den
Spiessen eilten derweil die Schwert- und Axtträger nach vorne, um die
zu Boden geangenen Reiter zu töten. Auch zum Kampf gegen Infanterie
wurden die Spiesse eingesetzt. In geschlossenen Gliedern stürmten die
Knechte mit ihren langen Spiessen schwungvoll in den gegnerischen
Heerhaufen und versuchten die Front des Feindes aufzureissen. War der
Spiess erst einmal verkeilt, liess der Knecht ihn fallen und griff zu
seiner Zweitwaffe, dem Schweizer Dolch oder dem Schwert, um sich am
Kampf zu beteiligen.
Keine Einzelkämpfer
Als
Einzelkämpfer war der Spiessknecht mit seiner langen Waffe nicht
besonders wertvoll. Die Stärke lag im abgestimmten gemeinsamen Einsatz
des Spiesserhaufens. Auf dem Marsch war die vibrierende lange Stange
auf der Schulter nach einiger Zeit eine ziemliche Last. Oft zogen die
Knechte den Spiess auch auf dem Boden hinter sich her.
Unsere beiden
Krieger kehren aus dem Burgunderkrieg nach Hause und tragen ihre
Langspiesse geschultert mit sich. Der barhäuptige Eidgenosse trägt
seinen Helm, eine so genannte Schaller mit hochklappbarem Visier mit
dem Kinnriemen, am Unterarm. Ausserdem sehen wir bei ihm über seiner
gesteppten Jacke den weit verbreiteten Brustpanzer. Sein Nachbar trägt
den flachen Eisenhut und, wie oft praktiziert, den Brustpanzer unter
der Leinenjacke. Gerade in kühler Witterung konnte man sich so besser
warm halten, denn der über der Kleidung getragene Panzer entzog dem
Körper schnell viel Wärme. An seinem Gürtel hängt neben der ledernen
Tasche für Kleinutensilien ein Schweizer Dolch als Zweitwaffe. Die
Langspiesse werden unsere müden Krieger wohl noch im Zeughaus abgeben,
denn eine derart sperrige Waffe konnte daheim kaum fachgerecht gelagert
werden.
Roger Remnann, Rost und Grünspan
Schweizer Soldat 3/00
|